Schlüsselkinder – müssen Eltern ein schlechtes Gewissen haben?

Schlüsselkind | © panthermedia.net /ridofranzSchlüsselkind | © panthermedia.net /ridofranz


Der Begriff Schlüsselkind wurde in den 1950er Jahren geprägt und ist seither negativ behaftet. Bezeichnet es doch Kinder, die oftmals schon im Grundschulalter am Nachmittag auf sich selbst gestellt sind. Weil schlicht und einfach weder Mama, Papa noch Oma und Opa nachmittags Zuhause sind, um die Kinderbetreuung zu übernehmen. Die betroffenen Kinder waren damals meist schon von Weitem erkennbar – durch die lange Kette mit dem Schlüssel daran, die um den Hals getragen wurde. Eine Kette, die fast mit einem Stigmata gleichzusetzen war.

Wenngleich die Bezeichnung Schlüsselkinder ziemlich antiquiert gilt und man beinahe den Eindruck gewinnen könnte, es gab nach den 1980er Jahren in den letzten Jahrzehnten keine Schlüsselkinder mehr, gibt es sie auch heute noch. Die Kinder, welche den Haustürschlüssel am Schlüsselband um den Hals tragen – oder nicht sichtbar den Schlüsselbund in Hose oder Schultasche dabei haben. Wie geht es denn eigentlich den Schlüsselkindern und ihren Eltern? Welche Folgen hat dies für die Familie? Müssen Mütter und Väter ein schlechtes Gewissen haben?

Warum werden Kinder zu Schlüsselkindern?

Kind in Bibliothek | © panthermedia.net /ArturVerkhovetskiy

Kind in Bibliothek | © panthermedia.net /ArturVerkhovetskiy

Wird ein Kind zum Schlüsselkind, gibt es dafür meist einen triftigen Grund: Die Eltern müssen arbeiten, um das Einkommen der Familie zu sichern. Dies betrifft alleinerziehende Elternteile, wie auch Elternpaare, die gemeinsam mit dem Nachwuchs in einem Haushalt leben. Heute fehlt in vielen Familien der Familienverbund, der nachmittags die Kinderbetreuung übernehmen könnte. Noch dazu mangelt es an geeigneten Betreuungsplätzen oder diese sind so teuer, dass Eltern sie sich nicht leisten können, ohne dafür noch mehr arbeiten zu müssen.

Wenn für die Nachmittagsbetreuung keine andere Lösung gefunden wird, kann es also erforderlich werden, dass ein Kind ab einem gewissen Alter nach der Schule alleine zuhause ist, bis Mutter und/oder Vater abends von der Arbeit nachhause kommt. Die betroffenen Kinder werden also nicht deshalb nachmittags sich selbst überlassen, weil die Erwachsenen an Betreuung und Erziehung desinteressiert sind, sondern weil eine andere Möglichkeit fehlt. Die Familie muss sich arrangieren und das Beste aus der Situation machen.

Kind alleine zuhause: Mit Eingewöhnungsphase und Notfallplan möglich

Kind alleine Zuhause | © panthermedia.net /Monkeybusiness Images

Kind alleine Zuhause | © panthermedia.net /Monkeybusiness Images

In diesem Beitrag zum Thema Schlüsselkinder wird darüber berichtet, dass im Rahmen der Pisa-Studie im Jahre 2000 festgestellt wurde, dass zwischen Schlüsselkindern und Schülern, die am Nachmittag von den Eltern betreut werden, keine Unterschiede festzustellen sein. Kinder stecken es demnach gut weg, wenn sie zwischen Schulschluss und Feierabend der Eltern ein paar Stunden alleine auf sich gestellt sind.

Damit der elternfreie Nachmittag gut verläuft, sollten grundsätzlich wichtige Punkte berücksichtig werden. Dazu gehören beispielsweise Alter und Reife des Kindes. Ein Grundschulkind sollte möglichst noch nicht alleine bleiben müssen. Wann ein Kind jedoch alt genug ist, um sich eigenverantwortlich um sich selbst zu kümmern, lässt sich pauschal nicht sagen. Auch Experten sind sich dahingehend nicht sicher. Eltern müssen also individuell abwägen und sich Gedanken drüber machen, ob sie dem Nachwuchs das Alleinsein am Nachmittag zutrauen.

Kein Kind sollte Hals über Kopf ins kalte Wasser geworfen werden. Jedes Kind braucht ausreichend Zeit, um sich auf die Situation als Schlüsselkind einzustellen. Dabei ist wichtig, dass die Eltern ganz eng ihr Kind begleiten. Kinder, die nach der Schule einige Stunden alleine Zuhause bleiben, benötigen klare und einfache Regeln sowie Notfall-Strategien, die von hinterlegtem Ersatzsschlüssel bis hin zur Telefonliste mit Rufnummern für Notfälle jeder Art reicht.

Zumindest in diesem Punkt haben es die Schlüsselkinder von heute etwas leichter, als jene aus den 1960er und 1970er Jahren. Per Smartphone kann jederzeit ein Ansprechpartner erreicht werden und natürlich bietet es sich an, das Eltern und Kind über das Handy kommunizieren.

Schlüsselkinder: Frühe Selbständigkeit und mehr Verantwortungsbewusstsein

Kind spielt selbstständig | © panthermedia.net /choreograph

Kind spielt selbstständig | © panthermedia.net /choreograph

Gelingt es der Familie, alles optimal zu organisieren, können Kinder sogar davon profitieren, wenn sie nachmittags einige Stunden ohne Erwachsene auskommen. Die Kids lernen, wie wichtig aufgestellte Regeln sind. Sie werden früher selbständig und wachsen an sich und ihren Aufgaben, wenn sie bereits im Alter von 8, 10 oder 12 Jahren Eigenverantwortung übernehmen müssen.

Das Verhalten der Eltern spielt eine wesentliche Rolle, wie gut Kinder mit der Situation klar kommen. Eltern, die dem Kind etwas zutrauen und ihm aufzeigen “Hey, ich vertraue dir! Ich traue dir das zu!” tragen der Verselbstständigung bei und unterstützen den Nachwuchs, im späteren Erwachsenenleben besser zurecht zu kommen.

Als Vater und Mutter wird man vermutlich immer Gewissensbisse verspüren, wenn man das eigene Kind für einige Stunden pro Tag alleine lassen muss. Aber: Das Schlüsselkind-Dasein ist an sich für die meisten Kinder kein allzu großes Problem. Zumindest dann nicht, wenn am Abend, an den Wochenenden und in den Ferien Eltern und Kind gemeinsame Qualitätszeit verbringen, sodass der Nachwuchs trotz der nicht immer einfachen Situation reichlich familiäre Wärme und elterliche Liebe bekommt.

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